Angst und Bangen, Hoffen und Trauer

von Ruedi Osterwalder


 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 

Trauer

 
 
 
 
 

Ruedi Osterwalder ist Spezialarzt FMH für Psychiatrie und Psychotherapie und Dozent im katastrophenmedizinischen Kurs der Universität Zürich.

Ein Todesfall in einer Katastrophensituation, wie in Asien durch das Seebeben, kommt unvermittelt und plötzlich. Es trifft die Opfer, es trifft auch die Angehörigen besonders hart. Sie konnten sich darauf nicht vorbereiten und Abschied nehmen - sie sind ohnmächtig, reagieren oft depressiv oder aggressiv, soziale Netze zerreissen. Ausserordentlichen psychischen Belastungen sind auch Zeugen des Geschehens und Rettungsdienste ausgesetzt. Besonders schwer ist die Situation für Menschen, die längere Zeit in der Ungewissheit leben müssen, ob ihre Freunde oder Angehörigen wirklich ums Leben gekommen sind oder ob sie sich irgendwohin retten konnten.

Solche Situationen entstehen auch in unserem Alltag häufig. Menschen können in den Ferien ertrinken, in den Bergen abstürzen, können Opfer von Verbrechen werden. In solchen Situationen wissen die Angehörigen lange Zeit nicht, ob ihre Vermissten noch leben, leiden oder schon gestorben sind. Bei traumatisierenden Ereignissen spricht die Wissenschaft von akuten Belastungsreaktionen. Sie zeigen folgende Symptome:

1. Der initiale Schreck: Das auslösende Verlustereignis bricht plötzlich und überraschend herein. Im ersten Moment können Angehörige und Retter wie gelähmt oder erstarrt sein, ihre Wahrnehmungs- und Denkfähigkeit wird eingeschränkt und das Erleben von Gefühlen kann kurzfristig aussetzen. Die Menschen erleben oft eine Art Betäubung oder Trance, das Bewusstsein ist eingeengt.

 2. Hilflosigkeit und Angst: Nach dem ersten Schrecken entsteht oft ein Gefühl der Angst und der Hilflosigkeit. Vor allem die Angst führt zu einer Einschränkung der Aufmerksamkeit, Desorientiertheit kann eintreten. Oft werden die Menschen unruhig, überaktiv, führen unkoordinierte, planlose Handlungen aus. Die Menschen können von Angst überflutet werden, was zu psychosomatischen Störungen wie Schwitzen, Zittern, Herzrasen führen kann. Erkennen die Betroffenen ihre Hilflosigkeit, können sie in Starre oder Lähmung verfallen.

3. Die Unfassbarkeit: Das Ungeheure des Geschehens, das jedes Vorstellungsvermögen übersteigt, macht es schwierig, den Verlust rational zu erfassen und zu begreifen. Das Geschehen wird einerseits als unfassbar erlebt, andererseits entsteht der Wunsch nach Erklärungen.
 Da der Mensch das Gefühl der Unfass-barkeit sehr schlecht erträgt, werden voreilig Erklärungen gesucht, manchmal Schuldige definiert. Das Schuldgefühl kann die eigene Person betreffen, es können aber auch Schuldige ausserhalb bezeichnet werden.
Die Schuldgefühle der Überlebenden können so weit gehen, dass sie es als schuldhaft erleben, dass sie selber noch am Leben sind. Solche Schuldgefühle sind besonders häufig bei Menschen, die selbst nur knapp dem Tod entronnen sind. Dieses Entrinnen macht ihnen ihre eigene Verletzlichkeit und Endlichkeit deutlich.

Die Symptome der akuten Belastungsreaktion können überlebende Opfer, Zeugen der Katastrophe, Helfer und Angehörige in gleicher Weise treffen. Menschen, welche traumatisiert sind, wirken oft psychisch auffällig. Ihre Gefühle, ihre Handlungen sind gelegentlich uneinfühlbar und werden als «krank» wahrgenommen.

Aus der Traumatherapie wissen wir jedoch: Was krank ist, ist das Geschehen, die Ursache, und nicht das Verhalten der Angehörigen oder der Retter. Besonders schwer haben es Angehörige, die warten müssen, bis sie Bescheid bekommen, was mit ihren Vermissten tatsächlich geschehen ist, ob sie überhaupt noch leben. Diese Zeit der Ungewissheit ist geprägt von vielen zwiespältigen Gefühlen. Soll ich noch hoffen oder schon trauern? Es stellen sich Fragen: Wie geht es mit mir weiter? Hätte ich mit dem Toten etwas klären sollen? Sind wir im Frieden auseinander gegangen? Hätte ich etwas tun können, was das Geschehen vermieden hätte? Wie kann ich Abschied nehmen, wenn ich den Toten nie mehr sehe, wenn ich nicht weiss, wo er allenfalls begraben, verbrannt worden ist oder als Leiche liegt?

Längerfristig geht es darum, die Menschen wieder in die Realität zurückzuführen, dass sie die Kraft zu spüren, auf das Geschehen wieder Einfluss zu nehmen und trotz der Widerwärtigkeiten des Lebens den Blick für das Ganze nicht verlieren. Hilfestellung im obigen Sinn können Nachbarn oder Angehörige geben, gelegentlich sind diese jedoch überfordert. Dann ist professionelle Hilfe von Psychiatern, Psychotherapeuten oder anderen Spezialisten gefragt. Menschen aus diversen Berufen wurden dafür ausgebildet, mit Traumaopfern therapeutisch zu arbeiten. Ich bin zuversichtlich, dass  die Solidarität mit den Betroffenen in hohem Masse spürbar ist und gelebt wird, wie wir dies in eindrücklicher Weise durch den Einsatz und das Verhalten der einheimischen Bevölkerung in den betroffenen Gebieten erleben durften. Trotz allem Schrecken und grosser Trauer dürfen wir erleben, dass die menschliche Gemeinschaft in der Lage ist, in extremen Situationen in hohem Masse Solidarität zu zeigen und zu leben.
 



 

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