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Die Krankheit
1998 bekam Lutz gesundheitliche Probleme. Er hatte
Wasser in der Lunge, bekam keine Luft, wenn er lag.
Er schlief im Sitzen auf dem Sofa.
Der Arzt wollte
ihn ins Krankenhaus einweisen. Er weigerte sich. (Zitat: „Die meisten Leute sterben im
Krankenhaus“)
Herzuntersuchungen ergaben ein vergrößertes Herz.
Die Krankheit heißt „Dilatative Kardiomyopathi“.
Nach einer Infektion des Herzmuskels (evtl. nach
einer verschleppten Grippe) richtet sich das
Immunsystem gegen die Herzmuskelzellen. Eine
Irritation der Immunabwehr, wie z.B. bei
Heuschnupfen. Dort werden harmlose Pollen bekämpft.
Hier jedoch die Herzmuskelzellen. Immer mehr
Herzmuskelgewebe stirbt ab und Bindegewebe baut sich
auf. Die Herzleistung lässt ständig nach. Prognose:
70% sterben in den ersten 5 Jahren, nach 10 Jahren
leben noch 10 %. Von den Todesfällen sind 50%
plötzlicher Tod. Der Rest siecht langsam dahin.
Lutz bekam eine Reha-Kur und dort gesagt, dass er
Rente beantragen soll. Mit 40 in die Rente, das war
ein harter Schlag.
Wir wollten nicht wahrhaben, dass es langsam aber
stetig bergab ging. Bald kam er die Treppen bis zur
6.Etage unserer Neubauwohnung (ohne Fahrstuhl) nur
noch mit mehreren Pausen hoch. Wir mussten uns
verändern.
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Das Haus
Im
Jahr 2000 entschlossen wir uns ein Haus zu bauen. Es
war der Mut der Verzweiflung. 2001 bezogen wir unser
Haus. Wir waren hier sehr glücklich. Lutz hatte eine
Aufgabe. Er konnte durch die Baumärkte ziehen und
alles planen und besorgen. Wir bauten sehr viel
selbst mit Freunden und Kindern. Lutz konnte keine
schweren Arbeiten verrichten.

2003 bauten wir einen
Wintergarten an. Lutz machte technische Zeichnungen,
Ablaufplan, besorgte Material, organisierte
Handwerker ... Es füllte ihn aus. Er war hier
glücklich und wir hatten noch so viel vor.
Im Sommer
letzten Jahres verlegte er mit Paul einen Holzboden
auf der Garage für ein Sonnendeck. Die Pfosten für
das Geländer sind aufgeschraubt, die Bretter für die
Brüstung stehen in der Garage bereit.
Einen Teich
haben wir gegraben. D.h. ich habe gegraben und Lutz
war es gar nicht recht, dass ich als Frau grabe und
er schaut zu. Der Wasserfall und der Teichrand sind
noch nicht fertig. Viele unvollendete Projekte
stehen noch an.
Es
sollte aber anders kommen.
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Oktober 2004
In
den Oktoberferien kamen meine Eltern ein paar Tage
zu Besuch. Sie freuten sich sehr, wir hatten einige
schöne Tage.
Am
22.10.2004 hatte die Mutter meines Mannes
Geburtstag. Wir fuhren mit 2 Autos nach Jena (100
km). Lutz hatte die Rentnerfuhre (Zitat:„Muss das
sein?“), meine Eltern und seine Oma (88). Ich fuhr
mit Paul. (Verfahre mich immer, er kennt den Weg).
Wir feierten Geburtstag, lachten über lustige
Lieder. 16.00 Uhr brachen wir auf. Ich fuhr mit
meinen Eltern von Jena nach Berlin, wo sie wohnen.
Lutz fuhr mit Paul nach Hause. Wir verabschiedeten
uns nur kurz, es sollte ja nur für 2 Tage sein. Es
war ein Abschied für immer. Er winkte mir noch zu,
als ich vorbei fuhr. Ich hatte ein komisches Gefühl.
Hoffentlich passiert auf der Autobahn nichts.
In
Berlin angekommen rief ich Lutz an und gab Bescheid,
dass ich gut gelandet bin. Er freute sich, weil ich
durch eine Abkürzung einem Stau am Hermsdorfer Kreuz
entkommen bin. Wir redeten nur ein paar Sätze.
Tschüß bis Sonntag. Ich wollte mich noch mal melden,
wann ich am Sonntag heimkomme. Er hat den Sonntag
nicht mehr erlebt.
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Der Todestag 23.10.2004
Für Samstag den 23.10.2004 hatten wir uns viel
vorgenommen. Ich bin selten bei meinen Eltern und
sie freuen sich, wenn ich ihnen helfen kann. Nach
dem Frühstück fuhr ich mit meiner Mutter einkaufen.
Sie haben kein Auto und sind froh, wenn schwere
Sachen mal durch die „Kinder“ eingekauft werden
können. Zurückgekommen wollte ich das Aquarium
meines Vaters sauber machen. Wir suchten Schläuche
zusammen, räumten Blumentöpfe weg, da klingelte das
Telefon. Ich ging ran.
Es
war ein Notarzt, der mir mitteilte, dass er von Paul
zu meinem Mann gerufen wurde, aber ihm nicht mehr
helfen konnte. Der Notarzt fragte nach
Vorerkrankungen, ich fragte, ob er schon einen
Totenschein ausgestellt hat. Ich sagte, dass ich
sofort nach Hause komme. Ich benachrichtigte seine
Mutter. Es lief alles ab, wie im Film. Es war so
unwirklich, unfassbar.
Ich packte meine Sachen und fuhr innerhalb von 10
Minuten los. Meine Eltern standen Kopf. Sie wollten
mich nicht allein fahren lassen. Ich sagte, ich bin
ganz gefasst, ich fahre und ihr bleibt hier. Sie
sind beide herzkrank, waren von der Rundreise
erschöpft und hätten das nicht verkraftet. Ich fuhr
250 km wie versteinert. 1000 Gedanken gingen mir
durch den Kopf.
Zu
Hause angekommen betrat ich das Haus, meine
Schwiegermutter kam mir aufgelöst entgegen. In der
Küche saß ein fremder Mann in schwarz (Seelsorger,
hatte der Notarzt für Paul kommen lassen), Oma,
Schwiegervater und Paul. Alle aufgelöst. Ich war
immer noch ruhig und versteinert. Ich fragte, wo
Lutz ist. Meine größte Sorge während der Fahrt war,
dass er schon weggeschafft sein könnte und ich ihn
nicht mehr sehen kann. Ich ließ alle stehen und ging
zu meinem Mann.
Lutz lag im Wohnzimmer auf dem Teppich und war mit
einem Vliestuch abgedeckt. Ich deckte sein Gesicht
auf. Er war blau angelaufen, hatte eine Platzwunde
auf der Stirn, sah aber ansonsten aus, als schliefe
er. Ich streichelte ihm über das Haar, ich schmiegte
mich an sein Gesicht, ich legte mich an seine
Schulter. Ich war ganz ruhig. Ich war froh, nach der
langen Fahrt endlich bei ihm zu sein. Ich war nicht
bei ihm, als er starb. Er brauchte mich gerade
jetzt. Ich war mir sicher, er spürte mich noch. Ich
verbrachte ca. 3 Stunden neben meinem toten Mann.
Nach und nach kamen meine zwei Brüder mit ihren
Frauen und meine großen Kinder. Ich ging immer nur
kurz aus dem Wohnzimmer um sie zu begrüßen. Alle
weinten. Ich war immer noch ganz ruhig. Ich konnte
nicht weinen. Noch nicht.
Ich fotografierte meinen Mann, als ich allein im
Zimmer war. Ich hatte einfach den inneren Zwang die
letzten Augenblicke festzuhalten. Jetzt bin ich sehr
froh, dass ich die Bilder habe. Ich habe ihm seinen
Ehering und seinen Ohrring abgemacht und eine
Strähne von seinen Haaren abgeschnitten. Als Lutz
ca. 8 Stunden tot war, begann die Totenstarre
nachzulassen. Er blutete aus der Nase. Ich wusch das
Blut ab und deckte den Teppich ab, damit keine
Flecken werden. Ich musste einsehen, dass ich ihn
nicht behalten konnte. Schweren Herzens rief ich das
Bestattungsunternehmen an. Ich hätte ihn lieber noch
eine Nacht dabehalten.
Ich hatte mir in schlaflosen Nächten oft schon
Sorgen um meinen Mann gemacht. Wir hatten trotz der
schweren Krankheit alle Prognosen verdrängt. Ihm
ging es ja gut bis zuletzt. Aber ich habe auch
darüber nachgedacht, was wird, wenn er stirbt.
Gesprochen haben wir nie darüber. Wir wollten nicht,
dass er stirbt. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich
habe in schlaflosen Nächten schon über die Abläufe
einer Bestattung nachgedacht. Ich hatte das alles
bei seinem Opa erlebt. Damals war ich entsetzt über
das Leichenhemd. Ich war für mich zu der Überzeugung
gelangt, dass Lutz mal nicht so ein Hemd ankriegt.
Das hätte nicht zu ihm gepasst. Ich wollte ihn im
Anzug beerdigen lassen.
Ich holte die Sachen. Sein einziger Anzug war sein
Hochzeitsanzug. Er trug ihn nur zu Hochzeiten,
Beerdigungen und Jugendweihen. Er sollte ihn auch zu
seiner eigenen Beerdigung tragen.
Die jungen Männer vom Bestattungsinstitut machten
ihn zurecht, legten ihn in den Sarg und gaben ihm
einen Blumenstrauß in die Hand. Wir nahmen alle eine
Stunde am Sarg Abschied. Ich küsste ihn auf die
Stirn und sagte „Schlaf schön mein Liebling“.
Hier sollte ein Bild von Lutz im Sarg
stehen, aber nach Rücksprache mit einigen
Trauerbegleitern habe ich darauf verzichtet. Wer
Lutz im Sarg sehen will, hier der Link
:
Lutz im Sarg
Mein Bruder und mein ältester Sohn trugen den Sarg
mit raus. Paul konnte nicht. Wir standen alle vor
dem Haus, als der Leichenwagen ganz langsam die
Straße rauf fuhr, oben wendete und langsam am Haus
vorbei und wegfuhr. Diesen Weg sind wir sonst immer
zusammen gegangen. Unser neues Wohngebiet hatte
seinen ersten Toten.
Nach einem kurzen wortkargen Abendbrot (alle hatten
seit früh nichts gegessen) fuhren alle Heim. Ich
konnte diese Nacht nicht schlafen, lag wach im Bett.
Geweint habe ich nachts dann auch, konnte dabei aber
noch nicht aus mir herausgehen.
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Der Tag danach
Ich lag bis früh wach im Bett. Es war Sonntag. Ich
stand auf, weil ich nicht mehr liegen konnte. Ich
saß dann allein im Wohnzimmer vor einer Kerze, an
der ein Bild von Lutz stand. Ich hatte die Kerze in
das Wohnzimmer geholt und angezündet, als Lutz tot
am Boden lag. Als Totenkerze.
Mir war elend zumute. Ich war allein. Es war kurz
nach 7.00 Uhr. Die Schwiegereltern hatten bei der
Oma geschlafen und Paul schlief auch noch. Ich weis
nicht, wie die Zeit vergangen ist. Ich wollte
wenigstens mit jemand reden. Ich überlegte, wen ich
anrufen könnte. Gegen 8.00 Uhr rief ich eine
Kollegin an. Sie war noch im Bad und ich sagte ihrem
Mann, dass ich noch mal anrufe. Ich rief dann noch
mal an und sie fragte “Was ist denn passiert?“ Ich
sagte ihr, dass mein Mann verstorben ist und ich
jetzt ganz allein hier sitze. Ich redete erst mal
eine halbe oder dreiviertel Stunde. Ich bat sie
auch mich krank zu melden, da ich nicht in der Lage
war zu arbeiten. Ich zwang mich und Paul ein
Brötchen zu essen. Später kamen die Schwiegereltern
und die Oma. Wir saßen alle fassungslos herum. Dann
kam noch eine Bekannte, sie war erst gut gelaunt,
aber als ich ihr sagte, dass Lutz tot ist, musste
sie sich setzten. Ihr kamen die Tränen und sie
brauchte eine Zeit um den Schock zu verkraften.
Meine Mutter weinte am Telefon, dass ich mir Sorgen
machte. Ich weinte nicht vor anderen.
Ich ging nicht aus dem Haus. Wollte niemanden sehen
und nicht angesprochen werden. Wie zum Hohn war
schönes Wetter. Ich liebte immer Sonnenschein, aber
jetzt hasste ich ihn, weil Lutz ihn nicht mehr
erleben durfte. Ich dachte darüber nach, wie schön
der Sonntag hätte werden können. Ich wäre in den
Mittagsstunden aus Berlin wiedergekommen, mein Mann
hätte sich gefreut und wir hätten noch einen schönen
Nachmittag gehabt.
Viele Erinnerungen habe ich nicht mehr von diesem
Tag, ich war nicht ganz bei mir.
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Die Wochen bis zur Beisetzung
Am
Montag fuhr ich zeitig zum Arzt. Ich holte mir nur
einen Krankenschein und Beruhigungstabletten. Als
ich wiederkam war Paul wach, aber sehr depressiv. Es
saß vor der Kerze und sah das Bild an. Ich gab ihm
eine Beruhigungstablette. Dann schlief er den halben
Tag.
Vormittags fuhr ich mit den Schwiegereltern in das
Bestattungsinstitut. Wir mussten viele Formalitäten
klären. Ich hatte schon einen Entwurf für die
Zeitungsanzeige gefertigt. Ich wollte, dass die
Anzeige so schnell wie möglich in die Zeitung kommt.
Ich wollte es nicht jedem einzeln sagen müssen. Wir
suchten die Urne aus. Eine schwarze Urne mit
goldener Rose.
Die ganze Zeit dachte ich daran, wo mein toter Mann
jetzt war. Als der Herr von dem Bestattungsinstitut
fragte, ob wir noch Fragen hätten, fragte ich, ob
mein Mann noch hier sei und ich noch mal kurz zum
Sarg gehen könnte. Wir vereinbarten einen Termin am
nächsten Morgen.
Danach fuhren wir auf das Pfarramt .Ich wollte Lutz
in das Grab seines Vaters beisetzen lassen. Sein
Vater starb, als er 10 Jahre war. In die Grabstelle
folgten dann beide Eltern seines Vaters. Wir
pflegten das Grab seit die Mutter seines Vaters tot
war. Wir hatten nicht darüber gesprochen wie und wo
er bestattet werden wollte. Er hatte nur gesagt, er
würde gern auf seinem eigenen Grundstück vergraben
werden. Das geht aber nach den Gesetzen nicht.
Einmal sagte er, er zieht nur noch ein Mal um. In
den Hirschgrund. Dort ist das Grab seines Vaters.
Dann bestellten wir die Blumen für die Urne. Ich
suchte ein Gesteck mit weißen Rosen aus.
Am
Nachmittag, es war immer noch strahlender
Sonnenschein, setzte ich mich in den Garten. Meine
Kollegin kam meinen Krankenschein holen. Dann kamen
die ersten Nachbarn mit ernsten Gesichtern. Sie
drückten ihr Beilleid aus. Ich sagte jedem, dass ich
schon jahrelang Angst gehabt und befürchtet hatte,
dass es so kommt.. Ich sagte auch, dass ich allein
zurechtkomme.
Paul mähte den Rasen, weil sein Vater gesagt hatte,
dass es noch mal vor dem Winter gemacht werden muss.
Ich fragte Paul, ob er mit zum Sarg gehen möchte. Er
wollte sofort.
Hier sollte ein Bild von Paul am offenen
Sarg im Trauerhaus, aber nach Rücksprache mit einigen
Trauerbegleitern habe ich darauf verzichtet. Wer
Lutz das Bild sehen will, hier der Link
:
Paul am offenen Sarg seines Vaters
Am nächsten Morgen fuhren wir zum Beerdigungsinstitut.
Wir hatten einen kleinen Abschiedsbrief geschrieben.
Den wollten wir in die Anzugtasche stecken. Ich
hatte ein paar letzte Rosen aus dem Garten
abgeschnitten.
Lutz war in einem Raum in einem beleuchteten
Glaskasten aufgebahrt. Ich war erst enttäuscht, dass
er hinter Glas lag. Der Herr vom Bestattungsinstitut
legte den Brief und die Rosen noch mit in den Sarg.
Es wurde leise Musik angemacht. Wir setzten uns
neben den Sarg. Nach langem Schweigen redeten wir
mit ihm. Paul erzählte, dass die Nachbarn da waren.
Wir blieben ca. eine Stunde. Ich fotografierte ihn
nochmals.
Dann fuhr ich zum Fotograf und ließ die Bilder so
schnell wie möglich entwickeln.
Nachmittag holte ich sie ab. Eine Kollegin traf mich
auf der Straße. Sie starrte mich an als wäre ich
tot. Dann fiel sie mir um den Hals und erklärte mir
ihr Beileid. Es war mir unangenehm, denn es war eine
ganz entfernte Kollegin.
Am
Mittwoch war die Todesanzeige in der Zeitung. Jetzt
kamen viele Bekannte aus der Umgebung. Seine
Jugendfreunde, seine Schulkameraden. Die meisten
weinten und waren fassungslos. Ich bekam die ersten
Trauerkarten. Es wurde immer unheimlicher. Ich
begann langsam zu begreifen, dass es kein böser
Traum, sondern bittere Realität war.
Ich schlief tagelang nicht oder nur ganz kurz. Mich
interessierten keine Zeitung, kein Fernsehen. Ich
suchte nach Lutz. Ich wollte ihn sehen. Ich holte
alle Fotos raus. Tagelang sah ich hunderte Fotos an.
Die Fotos vom Sarg standen auf dem Tisch. Dann sah
ich alle Videos an. Mein Mann hatte zwar meistens
selbst gefilmt, sprach aber oft dazu. Manchmal war
er auch drauf. Ich war glücklich ihn zu sehen.
Wir hatten viel zu erledigen. Die Beisetzung musste
mit dem Friedhof abgesprochen werden. Ein Redner
wurde bestellt, kam und befragte uns zu Lutz. Ich
sollte Musik für die Trauerfeier aussuchen. Ich nahm
ein Stück, das zu unserer Hochzeit gespielt wurde.
Die Träumerei. Dann wollte ich noch einen Titel,
der zu ihm passt. Da fiel mir auf Anhieb kein
passender ein. Ich suchte tagelang auf allen CDs.
Lutz war ein Liebhaber von Oldies. Hatte aber keine
Lieblingsgruppe. Viele Titel, die er sehr mochte,
waren zu fröhlich für die Beerdigung oder passten
inhaltlich nicht. Ich suchte „Sounds of Silence“ von
Simon and Garfunkel aus.
Die Blumen für die Beisetzung wurden bestellt. Ich
war mehrmals beim Steinmetz um einen schönen
Grabstein anfertigen zu lassen. Ich ließ noch ein
Passfoto vergrößern. Das Bild sollte zur Trauerfeier
neben die Urne gestellt werden. Ich bekam insgesamt
ca. 70 Trauerkarten.
Lutz hätte am 06.11.2004 Klassentreffen gehabt. Er
wollte so gerne hingehen, sprach schon mit vielen
ehemaligen Mitschülern darüber und hatte seine
Teilnahmegebühr schon bezahlt. Ich dachte lange
darüber nach und fasste den Entschluss, der Klasse
einen Brief zu schreiben. Ich gab den Brief in der
Gaststätte ab, in der das Klassentreffen stattfinden
sollte. In der gleichen Gaststätte sollte eine Woche
später die Totenfeier sein.
Die Schwiegereltern mussten wieder nach Jena, hatten
Termine. Ich bat darum, dass sie die Oma mitnahmen.
Diese weinte und zitterte immer und wollte mich
dabei umarmen. Ich konnte sie nicht trösten und sie
konnte mir auch nicht helfen.
Ich kaufte mit etliche schwarze Sachen. Ich fand es
sonst immer blöd, dass die Leute nach einem
Todesfall schwarz gingen. Jetzt war mir aber selbst
danach zumute.
Ich ging immer noch so gut es ging allen Leuten aus
dem Weg. Ich konnte nicht arbeiten gehen, war froh,
wenn eine Kollegin die Krankenscheine mitnahm. Ich
ging in andere Kaufhallen als früher um keinen zu
treffen.
Als der Termin der Beisetzung feststand (die Urne
war zurück), druckte ich für alle Nachbarn eine
Nachricht und teilte ihnen mit, dass jeder, dem es
ein Bedürfnis ist, Lutz die letzte Ehre zu erweisen,
zur Beisetzung willkommen ist. Ich warf die Zettel
in die Briefkästen ein, um mit niemanden sprechen zu
müssen. Familienangehörige und Freunde
benachrichtigte ich telefonisch.
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Die Beisetzung
Die Beisetzung fand am 12.11.2004, an einem Freitag
nachmittags statt. Meine Eltern kamen mit der
Familie meines jüngsten Bruders aus Berlin. Der
andere Bruder kam mit Frau auch zu uns nach Hause,
weil sie nicht wussten wo der Friedhof ist. Ich
hatte für 10 Personen Mittagessen gekocht.
Dann fuhren wir zur Trauerhalle. Ich ging in die
Trauerhalle. Sah die Urne mit der Asche meines
Mannes. Daneben sein Bild. Die Sträuße und Gestecke
mit unseren Namen. Ich hatte einen Strauß mit sieben
roten Rosen binden lassen. Auf der Schleife stand
„In Liebe“. Sieben rote Rosen hatte ich immer zum
Hochzeitstag von Lutz bekommen.
Ich setzte mich in die erste Reihe mit Paul, meinen
Eltern, Schwiegereltern und der Oma. Zur Trauerfeier
kamen ca. 70 Personen. Alle schüttelten mir die Hand
und sagten ein paar Worte. Blumen wurden vor der
Urne angeordnet, Trauerkarten abgegeben. Neben
Verwandten kamen Freunde, Nachbarn, Nachbarn der
Oma. Ich kam mir wieder vor, wie im Film. Der Redner
erschien. Es wurde die erste Musik gespielt. Meine
Eltern weinten. Ich wollte stark sein. Kämpfte mit
der Rührung, weinte aber nicht. Der Redner hielt
seine Rede über Lutz. Dann wurde der zweite Titel
gespielt. Mir wurde dabei so richtig bewusst, dass
es noch viel zu früh für Lutz zum Sterben war. Die
Oldies aus seiner Jugendzeit spielten wir sonst bei
Feiern und fröhlichen Festen. Mit Mitte 40 standen
wir mitten im Leben. Der Zeitpunkt des Todes passte
einfach nicht. Lutz war doch noch nicht fertig mit
seinem Leben. Er war nur 46 Jahre alt geworden.
Die Urne wurde raus getragen. Die ganze
Trauergesellschaft begleitete sie bis zum Auto des
Beerdigungsinstitutes. Dann wurde die Urne von der
Trauerhalle auf den anderen Friedhof gefahren. Die
ganze Gesellschaft folgte. Ich fuhr selbst Auto. Es
ging alles wie automatisch.
Auf dem Abteifriedhof warteten wir bis alle da
waren. Die Urne wurde vom Friedhofsverwalter bis zum
Grab getragen. Die Trauergäste füllten die engen
Wege der umliegenden Grabreihen aus. Die Urne wurde
in das Grab gelassen, einige Worte dazu gesprochen..
Ein Korb mit Blumen stand bereit. Ich sollte als
Erste eine Blume auf die Urne werfen. Der
Friedhofsverwalter reichte mir eine weiße Blüte. Ich
sah, dass in dem Korb auch rote Rosen waren und
verlangte eine rote Rose. Die Blume der Liebe. Lutz
tat mir so leid.
Es
dauerte, bis alle am Grab waren. Danach gab es in
der Gaststätte belegte Brote, Kuchen und Kaffee. Ich
dankte allen für ihr Kommen. Die engsten Verwandten
kamen noch mit nach Hause. Abends fuhren sie alle
heim. Ich war müde und erschöpft.
Am
nächsten Tag fuhr ich mit Paul auf den Friedhof. Die
Blumen waren auf dem kleinen Grab aufgehäuft. Es
waren vollendete Tatsachen geschaffen. Es gab kein
Zurück. Lutz war im Grab und ich stand davor.
Am
Montag nach der Beisetzung ging ich wieder zur
Arbeit.
-> nach
oben
Die Wochen nach der Beerdigung
Die folgenden Wochen waren ausgefüllt mit
schrecklich viel Bürokratie. Lutz hatte sich um die
Anmeldungen von Gas, Wasser, Strom, Telefon,
Versicherungen usw. gekümmert, nachdem wir in unser
Haus gezogen waren. Da wir 2 Konten hatten, lief
alles, was er anmeldete, über seinen Namen und sein
Konto. Ich musste alles ummelden. Ich stritt mich
mit einer Telefongesellschaft. Lutz hatte Anfang
Oktober den Telefonanbieter gewechselt und es gab
Probleme. Ich musste auf dem Nachlassgericht einen
Erbschein beantragen. Ich wartete lange, um einen
Termin bei der Rentenstelle zu erhalten. Ich musste
Witwen- und Halbweisenrente beantragen. Ich musste
so viele Formulare ausfüllen, dass mir, obwohl ich
selbst in einem Büro arbeite, die Haare zu Berge
standen.
Ich musste das Auto von Lutz auf mich ummelden und
sein Motorrad stilllegen. Sein Auto nahm ich aber
nur, wenn große Sachen zu transportieren waren.
Sonst fuhr ich mit meinem Kleinwagen. Ich hatte
immer das Gefühl, dass ich ihm sein Auto wegnehme.
Ich beantwortete alle Trauerpost. Ich druckte
Danksagungen und legte teilweise eine Kopie der
Todesanzeige aus der Zeitung bei. Guten Freunden
schrieb ich lange Briefe in denen ich erklärte, was
passiert war und wie es mir ging. Ich bekam nur
einige Anrufe. Von vielen hörte ich nichts wieder.
Sie waren überfordert und konnten mit dem Thema
nicht umgehen.
Ich wollte gern, dass der Grabstein vor Lutz seinem
Geburtstag noch gesetzt wird. Es war milde Witterung
und Anfang Dezember wurde er gesetzt.
Es war das
Geburtstagsgeschenk für Lutz. Ich freute mich
richtig, als der Grabstein rechtzeitig stand. Ich
hatte alle finanziellen Zuwendungen, die ich mit dem
Karten bekam, für den Grabstein ausgegeben. Die
Schwiegermutter übernahm die Kosten der Beisetzung
und Trauerfeier. Ich war ihr dankbar dafür,
ansonsten wäre es knapp geworden. Ich habe ja
Kredite für das Haus abzuzahlen und die andauernden
Bauarbeiten fraßen jede Reserve auf. Ich
organisierte einen Dachdecker, der noch ein Stück
Schneefanggitter auf dem Dach vor Wintereinbruch
anbringen sollte.
Ich verglich ständig alle Kontoauszüge und entdeckte
laufend neue Abbuchungen, die ich auch noch ummelden
musste. Dann machte ich einen Termin bei der
Sparkasse aus um die Konten aufzulösen. Ich war
rundum beschäftigt.
Auf dem Grab sortierte ich mehrmals Blumen und
Gestecke, sortierte verwelktes aus. Es waren aber
viele Gestecke dabei, die als Winterschmuck auf dem
Grab bleiben konnten.
-> nach
oben
Der Geburtstag von Lutz 22.12.2004
Es
war ein schwerer Tag. Ich hatte einen Strauß mit
sieben roten Rosen bestellt. Morgens um 8.00 Uhr
fuhr ich zum Blumenladen und holte den Strauß. Es
war das gleiche Geschäft, das die Trauergestecke
angefertigt hatte. Die Rosen waren angedrahtet und
die Verkäuferin erklärte mir, dass sich die Rosen
ohne Wasser in der Kälte am besten halten. Ich sagte
ganz verzweifelt, dass mein Mann 47 Jahre alt
geworden wäre. Ich kämpfte schon im Blumenladen mit
meiner Fassung. Ich fuhr zum Friedhof. Ich kam mir
vor, als würde ich zu meiner eigenen Hinrichtung
fahren. Dort angekommen stellte ich die Rosen in
eine Grabvase und zündete ein Grablicht für Lutz an.
Ich dachte daran, wie ich ihm sonst immer zum
Geburtstag gratuliert hatte. Meist rollte ich mich,
wenn ich früh aufwachte, gleich zu ihm in sein Bett,
umarmte und küsste ihn und gab ihm ein keines
Geschenk. Es war immer eine sehr herzliche und
liebevolle Gratulation gewesen. Jetzt stand ich am
frühen Morgen in der Kälte vor seinem Grab und mir
kamen die Tränen. Ich weinte leise für mich und
blieb einige Minuten. Ich war allein auf dem
Friedhof. Ich kam mir so verlassen vor.
Lutz war mein Lichterengel. Sein Geburtstag ist
einen Tag nach der Wintersonnenwende. Er hatte
immer scherzhaft behauptet, dass die Tage ab seinem
Geburtstag länger werden, weil er Geburtstag hat.
Ich nannte ihn dann "mein Beleuchter" oder "mein
einziger Lichtblick in meinem Leben" oder "Lichterengel".
Wir hatten viel Spaß dabei. Jetzt ist alles ernst
und Lutz, mein Lichterengel ist bei den anderen
Engeln.
Als ich wieder nach Hause kam, war der Dachdecker
auf dem Dach und montierte das Gitter. Ich freute
mich, dass nun das Gitter vor dem Winter auf dem
Dach war. Ich sagte dem Dachdecker, dass Lutz heute
Geburtstag hat und das es wie ein
Geburtstagsgeschenk sei, dass heute das Dachgitter
draufkam.
Die Schwiegereltern waren aus Jena schon am Vortag
gekommen. Sie fragten mich, ob wir alle gemeinsam
zum Grab gehen. Ich sagte jedoch, dass ich morgens
allein gehen möchte. Ich lud die Schwiegereltern und
die Oma zum Kaffeetrinken ein. Wir waren fünf
Personen. Ich deckte für sechs. Der Platz für Lutz
blieb frei. Ich stellte eine Kerze auf seinen Platz.
Es war eine ganz andere Geburtstagsfeier als die
anderen Jahre. Wir waren alle recht bedrückt.
-> nach
oben
Weihnachten 2004
Das erste Weihnachtsfest allein wollte ich nicht zu
Hause verbringen. Sonst sind immer die
Schwiegereltern und die Oma zu uns gekommen. Wir
waren immer alle fröhlich. Dieses Jahr würde es
nicht fröhlich werden und ich wollte davonlaufen.
Das Weihnachtsfest verbrachte ich mit Paul bei
meinen Eltern in Berlin. Sie waren, seit mein
jüngster Bruder Familie hat, Weihnachten meist
allein. Wir telefonierten immer. Meine Eltern
freuten sich sehr über unseren Besuch. Am 23.12.2004
fuhren wir nach dem Frühstück los. Wir fuhren
nochmal zum Friedhof und ich stellte Lutz noch ein
großes Grablicht auf sein Grab. Es tat mir schon
leid, dass ich ihn Weihnachten allein lassen muss.
Ich nahm aber die Bilder vom Sarg mit, damit ich ihn
immer mal sehen konnte. Auch die Videos nahmen wir
alle mit. Meine Eltern freuten sich über die
Aufnahmen von vielen Jahren. Wir hatten zu Feiern
usw. immer gefilmt.
Den 24.12.2004 verbrachte ich bewusst in meinem
Elternhaus, in dem ich als Kind Weihnachten erlebt
hatte. Es war mein erstes Weihnachtsfest dort seit
25 Jahren. Wir verteilten kleine Geschenke, meine
Mutter und Paul spielten Weihnachtsmann, wir machten
das Beste daraus. Es war ein bisschen ein Ausflug in
meine Vergangenheit.
Am
ersten Feiertag besuchten wir meinen Bruder und
seine Familie. Sie wohnen im Stadtzentrum von
Berlin. Für meine Eltern war es sehr bequem mit dem
Auto hin- und hergefahren zu werden. Sie gaben sich
große Mühe gute Gastgeber zu sein. Das Thema
Sterben/Beerdigung wurde verdrängt.
Am
zweiten Feiertag fuhren wir auf den Friedhof zum
Grab meiner Oma. Sie war die einzige Oma, die ich
erlebt hatte. Sie starb, als ich 10 Jahre alt war.
Ich war viele Jahre nicht an ihrem Grab. Ich hatte
das Bedürfnis sie noch mal zu besuchen, bevor das
Gräberfeld eingeebnet wird.
Am
27.12.2004 fuhren wir wieder heim. Ich war froh,
Weihnachten ohne größere Komplikationen überstanden
zu haben. Mich zog es aber auch wieder heim, denn da
war ich Lutz näher. Ich hatte das Gefühl ihn zu
vernachlässigen, wenn ich so weit weg war. Zwischen
den Feiertagen ging ich arbeiten.
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Silvester
Den Jahreswechsel wollte ich gern zu Hause
verbringen. Bis jetzt hatten wir diesen immer mit
Freunden sehr lustig verlebt. Mir war nicht nach
"lustig" zumute. Meine Brüder feierten zusammen mit
ihren Familien in Berlin. Ich machte aus, dass ich
Paul mit dorthin schickte, damit er mit seinen
Cousins eine lustige Feier haben konnte.
Am
Abend des 31.12.2004 machte ich es mir allein vor
dem Fernseher gemütlich. Die meisten, die mich
fragten, was ich Silvester mache, fragten mich, ob
ich verrückt sei, dass ich allein sein wollte. Ich
wollte es.
Ich konnte diesmal nicht über "Dinner for one"
lachen, sah es mir aber an. Es gehörte dazu. Kurz
vor 24.00 Uhr holte ich mir eine Piccoloflasche Sekt
und zwei Gläser. Um Mitternacht schenkte ich zwei
Gläser ein und stieß an. Dann trank ich beide Gläser
aus. Ich sah das Feuerwerk im Fernsehen, hörte die
festliche Musik und mir liefen die Tränen. Ich
erlebte ein neues Jahr, in dem Lutz nicht mehr lebt.
Er rückte damit in die Vergangenheit. Alles was
jetzt neu war, erlebte er nicht mehr. Ich weinte
lange und intensiv.
Es tat mir gut. Als ich etwas
ruhiger wurde, ging ich in die obere Etage zum
Fenster und sah hinaus. Ich sah Feuerwerk, fröhliche
Nachbarn auf der Straße. Sobald mich jemand sah,
ging ich rein. Ich wollte jetzt mit niemanden reden.
Sonst beglückwünschten wir uns immer zum neuen Jahr.
Was sollte sie mir denn wünschen. Meine Wünsche
konnten nicht erfüllt werden. Ich wollte Lutz
zurück.
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Der schöne Traum
Seit Lutz gestorben war schlief ich wenig, war
nachts viel wach und dachte nach. Häufig wachte ich
schon um 3.00 oder 4.00 Uhr auf und konnte keine
Ruhe mehr finden. Ich war froh, über jede Stunde
Schlaf, die ich schaffte. Ich war körperlich
erschöpft, konnte nur wenig essen und nahm die
ersten Wochen bis Weihnachten jede Woche ein kg ab.
Es fehlten die entspannenden Tiefschlafphasen. Das
sind die Schlafphasen, in denen man sonst träumt.
Ich träumte nichts mehr. Bis auf ein einziges Mal.
Es war mitte Januar. Ich träumte von Lutz. Wir
standen in der Küche und lachten. Wir hatten ein
lustiges Thema. Ich bekam aber nicht mit, worum es
sich handelte. Ich ging zu Lutz und legte meine Arme
um seinen Hals. Er umarmte mich auch und drückte
mich richtig fest an sich. Ich konnte ihn spüren.
Ich spürte seine Wärme, seine Liebe und seine ganze
Ausstrahlung. Ich war ein letztes Mal richtig bei
ihm. Es war, als wollte er in mein Herz strömen.
Dabei ist er doch fest darin verankert. Ich habe ihn
fest eingeschlossen und lasse ihn nie ganz fort.
Ich wachte von dem Traum auf und war glücklich. Ich
lag im Bett und lächelte. Mein Lichterengel war mir
erschienen. Es gab mir wieder Kraft.
-> nach
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Paul hatte am 20.01.2005 seinen 16. Geburtstag. Da
es mitten in der Woche war, feierten wir am
Wochenende. Meine Tochter kam uns am Freitag
Nachmittag besuchen. Die Schwiegereltern, Oma, mein
großer Sohn mit Freundin kamen Samstag.
Wir tranken
Kaffee, sahen uns nachmittags Videos von
Fuerteventura an.
Wir hatten dort im Februar 2000
Urlaub gemacht. Natürlich mit Lutz. In diesem Jahr
wollten wir allein noch mal in die gleiche Anlage
fahren. Für das Abendbrot hatte ich eine große Pizza
gebacken.
Es
war die erste ganz normale Feier seit Lutz tot ist.
Ich musste immer an ihn denken, sprach aber nicht
darüber um den Anderen die Laune nicht zu verderben.
Ich dachte daran, dass Paul nun ohne seinen Vater
erwachsen werden musste. Er hat schon viele
„Hausmeisterpflichten“ übernommen, musste aber immer
erinnert und beaufsichtigt werden. Paul hatte seinen
Vater tot aufgefunden, sprach aber kaum über das
Thema. Er war ruhig und anhänglich geworden. Wir
kamen schon miteinander zurecht.
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Meinen Geburtstag wollte ich nicht zu Hause
verbringen. Ich weis, dass mir alle nur das Beste
gewünscht hätten, aber Lutz konnte mir nicht
gratulieren. Wir waren einige Male im Februar auf
den Kanarischen Inseln gewesen. Wir sind dem Winter
entflohen. Die Sonne tat mir immer gut. Wir flogen
am 05.02.2005 los. Im Flugzeug dachte ich, jetzt
wäre es nicht so schlimm, wenn wir abstürzen würden,
dann wären wir ja bei Lutz. Mein Geburtstag war am
07.02. Die Anlage war uns vertraut, ich musste an
jeder Ecke an Lutz denken. Ich freute mich aber über
diese Erinnerungen.

Am
07.02. wachte ich auf und dachte an Lutz. Als Paul
aufwachte, gratulierte er mir kurz. Ich wurde an dem
Tag nicht geküsst und nicht gedrückt. Ich erhielt
noch einige Anrufe, eine SMS und eine Mail. Es war
mir recht so. Lutz konnte mir auch nicht mehr nahe
sein. Am Nachmittag lagen wir am Strand. Die Sonne
tat mir gut. Ich las einen Roman („PS Ich liebe
dich“). Er handelt von einer jungen Frau, deren Mann
gestorben war. Es wurde das erste Jahr nach dem Tod
des Mannes beschrieben. Ich sah viele Parallelen und
begann langsam das Erlebte zu verarbeiten.
Die Woche Urlaub war entspannend, ich war aber auch
wieder froh, nach Hause zurückkehren zu können. Hier
war ich Lutz näher.
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Ich
stehe mit beiden Beinen im Leben. Gleich nach der
Beerdigung ging ich wieder Arbeiten. Ich bin ein
sehr selbständiger Mensch, meistere Beruf, Haus,
Haushalt, Kind und alles was damit zusammenhängt.
Ich habe keine Probleme dies alles allein zu regeln.
Deshalb denken viele, ich komme zurecht und brauche
keine Hilfe.
Aber im Inneren sieht es ganz anders aus. Um so mehr
Zeit vergeht, um so mehr begreife ich, dass ich
allein bin. Menschen kann man nicht so einfach
austauschen. Mein Mann ist nicht zu ersetzen. Lutz
war mir nicht nur ein liebevoller Mann, sondern auch
ein einfühlsamer Partner, ein sehr guter Kumpel und
mein Ruhepol, die Schulter zum Anlehnen. Dieser Halt
ist mir jetzt genommen worden. Ich hänge jedoch noch
mit meiner ganzen Seele an meinem Mann und bin noch
ganz mit der Liebe zu ihm ausgefüllt. Ich kann nicht
auf andere Menschen zugehen und möchte keinen
belasten. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass
Unbeteiligte nicht mit mir und meiner Trauer umgehen
können.
Durch Zufall stieß ich im Internet auf Seiten, auf
denen sich Verwitwete austauschen und darüber
schreiben können. Ich wollte eigentlich nur kurz
meine Erfahrungen schildern, begriff aber schnell,
dass es ein längeres Werk werden würde. Ich hatte
das Bedürfnis mich mitzuteilen. Ich begann diesen
Beitrag zu schreiben. Das Nachdenken über die
Ereignisse wühlte mich sehr auf. Ich schrieb mehrere
Tage jede freie Minute und konnte mich nicht
bremsen. Es sprudelte nur so aus mir heraus. Ich
konnte nachts nicht mehr schlafen und dachte nur
noch über die Texte nach. Wenn ich einen Abschnitt
geschrieben hatte, las ich ihn noch mal durch und
begriff dann erst, wie dramatisch die Ereignisse für
mich waren. Mehrere Tage schaffte ich es nicht die
Abschnitte zu lesen, ohne regelmäßig in Tränen
auszubrechen. Ich begann mein eigenes Leid zu
begreifen. Ich war wütend. Mir wurde gesagt, dass
ich alles besser verarbeiten würde, wenn ich mich
damit beschäftige. Mir ging es aber von Tag zu Tag
schlechter. Erst jetzt, nach ca. zwei Wochen beginne
ich wieder etwas ruhiger zu werden. Ich glaube das
Schreiben ist wie eine Therapie. Es ist aber eine
Pferdekur. Nichts für schwache Nerven. Mann
durchlebt alles noch einmal. Aber ich hoffe, es
hilft mir alles zu verarbeiten und evtl. anderen
Betroffenen mit ihrem eigenem Schmerz umzugehen. Wer
sich in seiner Trauer wirklich selbst begreifen
möchte, sollte diesen Weg wählen. Mir ist vieles in
den letzten zwei Wochen deutlich geworden. Ich
möchte trauern. Und ich werde so lange trauern, wie
ich es für notwendig halte. Ich lasse mir keine
Vorschriften hierzu machen. Ich werde nicht lustig
sein, wenn mir nicht danach zumute ist. Ich denke
oft und gern an meinen Mann und lasse mir diese
Erinnerungen nicht nehmen. Ich stehe dazu, dass man
mir ansieht, dass ich trauere. Ich werde meine in
den letzten Monaten ergrauten Haare grau lassen. Es
ist ein Ausdruck meines inneren Zustandes. Ich trage
weiter überwiegend gedeckte Farben (Schwarz, grau).
Es widerstrebt mir bunte Sachen anzuziehen. Ich
lasse mich nicht zwingen mich der Gesellschaft
anzupassen, die Trauer und Leid verdrängt.
Ich wünsche allen Betroffenen, die selbst einen
Verlust verarbeiten müssen, dass sie zu sich selbst
finden und allen Unbeteiligten, dass sie nicht
vorschnell über Trauernde urteilen und für diese
Verständnis aufbringen.
U.R. |